Halle-Neustadt, Bahnhof
Halle-Neustadt, Bahnhof
Halle-Neustadt, Passage
Halle-Neustadt, Passage
Halle-Neustadt, Frau Kicinski
Halle-Neustadt, Frau Kicinski
Halle-Neustadt, Bruchsee
Halle-Neustadt, Bruchsee
Halle-Neustadt, Andersenstraße
Halle-Neustadt, Andersenstraße
Halle-Neustadt, Frau Reinicke
Halle-Neustadt, Frau Reinicke
Halle-Neustadt, Block 10
Halle-Neustadt, Block 10
2013

Die Weite des Blicks – Erinnerungen aus der Stadt der Zukunft

Gestaltung

Anja Weber

Pate

Stefanie Ollenburg

Kategorie

Begleiterscheinung

vorgeschlagen am

24. Juni 2013

Plädoyer

Es ist ein Blick in die Vergangenheit – Bilder einer Plattenbausiedlung in Halle-Neustadt sowie Portraits von älteren Damen, die dort schon fast ihr ganzes Leben lang wohnen, aufgenommen im Jahr 2004.

Die Serie hat mich berührt, besonders die Portraits der älteren Frauen, so authentisch und dadurch emotional aufgeladen. Auch die Bilder der Plattenbauten zeigen, wie verlassen und einsam dieser zu DDR-Zeiten sicherlich belebte Stadtteil heute wirkt.

»Ein Bild sagt mehr als tausend Worte« – ich finde, das trifft auf diese Fotoreihe zu. Anja Weber fotografiert die Menschen so wie sie sind. Jedes Portrait scheint deren innere Schönheit hervorzuheben, ohne sie zu »verschönen«. Anja Weber hat das Geschick, das Authentische auf eine ansprechende Art und Weise zu zeigen. Das Gleiche trifft auf die Bilder der Umgebung zu. Ihr Auge sieht eine reale Welt und doch hat sie etwas Fantastisches.

Diese Fotoserie verdient für mich einen Ehrenpreis in der Kategorie »Begleiterscheinung«. Es ist ein Blick aus einer anderen Perspektive, die zeigt auf fast skurrile Weise, was in unserem Land war und was gerade passiert: dass das Leben sich für viele Menschen in den Randgebieten gravierend verändert hat. Dass diese Gebiete und ihre Bewohner vereinsamen. Es entstehen Geisterstädte in denen soziale Kontakte vernachlässigt werden.

Beschreibung

»So viel Grünes, wie wir in unserer Stadt hier haben, also da müssen Sie lange suchen, ehe Sie das woanders finden! Wir hatten mal eine schwedische Delegation hier, lange vor der Wende. Mit den Delegationsmitgliedern waren wir in dem Block, in dem Frau Luther wohnt. Da ist auf dem Dach eine wunderschöne Terrasse, von dort konnten die Schweden die Stadt mal von oben sehen: eine Stadt im Grünen! Wunder-, wunder-, wunderschön, also wirklich wahr. Man kann sich in die Stadt verlieben, wenn man sie nur alleine schon von oben sieht.« sagt Elisabeth Reinicke. Sie wohnt seit 1967 in Halle-Neustadt.

Halle-Neustadt, ab 1963 als Schlafstadt für die Chemie-Industrie-Standorte Leuna und Buna geplant, war die »Stadt der Zukunft«, eine sozialistische Vorzeigestadt mit allem, was als Annehmlichkeiten des modernen Lebens begriffen wurde: Fernheizung, warmes Wasser, Innen-WC, Kinderbetreuung vor der Haustür. 1964 zogen die ersten Bewohner ein, Ende der 1980er Jahre lebten 100.000 Menschen in Halle-Neustadt, das Planziel war erreicht. Dann kam die Wende und mit dem Wegfall der Chemie-Industrie gingen auch die Menschen. Heute ist die Bevölkerung auf etwa 45.000 geschrumpft, die Altersstruktur hat sich umgekehrt: betrug 1970 das Durchschnittsalter 23 Jahre, ist heute jeder zweite Neustädter im Rentenalter.

Meine Arbeit »Die Weite des Blicks« ist der Versuch eines Portraits des Stadtraums und seiner Bewohnerinnen. Ausgangspunkt für meine Fotografien waren persönliche Begegnungen mit langjährigen Bewohnerinnen Halle-Neustadts. Erstmalig traf ich die Mitwirkenden in den zahlreichen Seniorenzentren der Stadt – denselben Räumen, die ehemals als Kindertagesstätten genutzt wurden. Es handelte sich dabei überwiegend um Frauen. In Interviews erzählten sie über ihr früheres und heutiges Leben in der Stadt und ihre persönliche Nutzung des öffentlichen Raumes. In den Gesprächen wurde schnell klar, dass ihr Bild von Halle-Neustadt wenig mit dem gemein hat, was sich mir als ortsfremder Besucherin 2004 als erster Eindruck vermittelte. Die gelebte Erfahrung der Seniorinnen manifestiert sich in ihrem gegenwärtigen Blick auf die Stadt.

Fotografisch versuchte ich, mit den durch die Interviews gewonnenen Eindrücken die heutige Stadt zu betrachten – sie nicht nur als sichtbare (Ober)fläche zu begreifen, sondern vielmehr die Erzählungen über den gelebten Raum mitschwingen zu lassen. Meine Fotografien entstanden mit einer Fachkamera, wie sie häufig für die Architekturfotografie benutzt wird. Bei einer Fachkamera ist es möglich, stürzende Linien auszugleichen und Aufnahmen mit großer Schärfentiefe zu machen. Als Analogie zum subjektiven Blick der Frauen auf ihre Stadt nutzte ich die Kamera hier in der Form, um die spezifischen Schärfen und Unschärfen in den Bildern zu realisieren. Bei den Portraits im neutralen Setting versuchte ich mich auf Gesicht und Ausdruck zu konzentrieren, der Blick der Portraitierten ist in die Ferne gerichtet.

»Die Weite des Blicks« ging hervor aus dem Arbeitsbuch »Subjektive Landschaften« (zusammen mit Saskia Hebert und Sanja Utech), einem Beitrag zum Ideenwettbewerb »Schrumpfende Städte« der Bundeskulturstiftung und der Zeitschrift Arch+. »Subjektive Landschaften« kam in die engere Wahl des Wettbewerbs. Die Arbeit wurde im Dezember 2004 gemeinsam mit den anderen Finalisten im DAZ Berlin gezeigt und im Mai 2005 im Magazin Arch+ 173 publiziert.

Details

Entstehungsjahr

2004

realisiert

weitere Angaben

13 Fotografien, davon 4 Portraits und 9 Aufnahmen im Stadtraum

4 Texttafeln

Material:
C-Prints, Alu-Dibond, gerahmt

Maße Bilder:
40 x 50 cm
bis 100 x 135 cm

Maße editierte Interviews der portraitierten Frauen:
20 x 50 cm

initiiert von

Beteiligte

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